Das Jahr  2015 war  auch aus Sicht eines Ökonomen beladen mit Krisen, Turbulenzen  und Verwerfungen. Die Krise um Griechenland, den Euro, der massive Zustrom an Flüchtlingen und die  gravierenden  Probleme  vieler Schwellenländer waren berechtigter Anlass zur Sorge.  der  Es war aber zugleich   ein Jahr, in dem es mit einigen Volkswirtschaften durchaus aufwärts ging. Dazu gehörten die USA und Deutschland.  In Deutschland ist  der Beschäftigungszuwachs verbunden mit  dank der Einführung des gesetzlichen Mindestlohn spürbaren Kaufkraftsteigerungen hervorzuheben. Selbst im Euroraum als Ganzes ging es, wenngleich zögerlich und mit immer noch zu hoher Arbeitslosigkeit belastet, aufwärts. Insbesondere wurden  Krisenvorhersager, die  wegen Mindestlohns massive Beschäftigungseinbußen in Deutschland befürchteten  widerlegt.  Lässt  dies alles nun  für 2016  hoffen, oder muss man sich doch Sorgen machen?

Im Jahre 1977 brachte Ingmar Bergmann den Film “Das Schlangenei” in die Kinos. Das Schlangenei verwendet er als Metapher  für  den  sich bereits während Hyperinflation in der Weimarer Republik zu erahnenden Aufstieg der Nazis. Durch die Schale des Eis sind die sich entwickelnden  Konturen der Schlange zu sehen, aber sie ist noch nicht auf der Welt.

Das Jahr 2016 kommt mir vor wie ein Schlangenei zwar mit einem deutlich weniger dramatischem Inhalt, doch nicht ohne große  Gefahren, die unser  Leben in Zukunft prägen könnten.  Die sehr unterschiedlichen und ambivalenten  Konturen, die durch die Schale durchscheinen, und von denen ungewiss ist, ob sie bereits 2016 zu  spürbaren Veränderungen führen, oder ob sie erst später zum Durchbruch kommen , sind ein Digitalisierungsschub, die wachsende Ungleichheit, die Krise  der liberalen Demokratie, der dramatische Zustrom von Flüchtlingen und der Zerfall der Europäischen Gemeinschaft.

Der Digitalisierungsschub wird die örtliche  Gebundenheit von Produktion und Konsumtion weiter aufweichen.  Dies eröffnet  neue Freiheitspielräume für Einzelne, birgt aber auch das Potenzial wachsender Ungleichheit in sich. Die zunehmende Ungleichheit  hat  bereits jetzt bei vielen Abstiegsängste oder  gar Resignation hervorgerufen. Sie macht  sich teilweise in  bizarren Protesten der  “besorgten Bürger”  und in spürbarer Wahlenthaltung der  abgehängten Einkommensschichten  bemerkbar.  Im europäischen Kontext  manifestiert sich dies im  Aufstieg rechtnationaler Bewegungen und Parteien, die  vor allem in der Ablehnung  liberaler demokratischer Gepflogenheiten und supranationaler Institutionen wie  der EU und vor allem der Aufnahme von Flüchtlingen ihre Gemeinsamkeit finden.  Vor diesem Hintergrund ist die Krise  der EU keine Überraschung, sondern das zu Erwartende. Die Bewegungen sind allerdings mittlerweile nicht  zuletzt  durch Unterstützung im etablierten Parteiensystem so stark geworden, dass ein Überleben der EU in ihrer bisherigen Form zweifelhaft  geworden ist.

Was ist  vor  dieser gefahrvollen Kulisse von einem  gesamtwirtschaftlich orientierten Ökonomen zu erwarten ? Das Phänomen hinter all diesen Tendenzen heißt zunehmende Unfähigkeit zur gesellschaftlichen Integration. Wirtschaftspolitisch gesehen,  ist dies, obwohl von vielen Ökonomen empfohlen,  der Preis für Jahre neoliberaler Politikansätze, die das Individuum zum primären Maßstab wirtschaftspolitischen Handelns gemacht haben. Bemühungen um gesellschaftliche und wirtschaftliche Integration traten demgegenüber in den Hintergrund. Nicht nur wegen des Flüchtlingsstroms ist also jetzt eine Umkehr geboten. Gefordert ist eine Politik , die individuelle Freiheitsspielräume, die heute ohne Zweifel eine wichtigere Rolle spielen als in früheren Jahrzehnten, und gesellschaftliche Erfordernisse stärker  zu Gunsten letzterer auszubalancieren.  Der verständliche und gerechtfertigte Ruf nach Steuererhöhungen für Wohlhabende greift dabei zu kurz. Denn es ist schwer, politische Mehrheiten für dieses Vorhaben zu mobilisieren, wenn die Profiteure der Steuererhöhungen schweigen oder resigniert haben, während sich die Zahler lautstark und medial mächtig zu Wort melden.  Höhere Steuereinnahmen  heißt zudem noch nicht ,dass diese im Sinne einer verbesserten gesellschaftlichen Integration ausgegeben werden.  Auch dafür müssen Mehrheiten gegen starke anders orientierte Lobbys organisiert  werden.

Es bedarf vielmehr eines öffentlichen Diskurses um den Wert der Integration. Politisch  heißt dies , dass der Begriff der Solidarität, der in vielen wirtschaftspolitischen Maßnahmen insbesondere  in der Krise des Euroraums und jetzt teilweise als Gegenreaktion in der Flüchtlingskrise vernachlässigt wird, wieder stärker  in den Mittelpunkt politischen Bemühens gerückt werden muss. Wirtschaftspolitisch muss Forschung und Beratung den Fokus verstärkt auf wirtschaftliche  Integration legen. Hierzu sind Erkenntnisse der mikroökonomischen Verhaltensökonomie hilfreich, die gezeigt haben,  dass selbst Wohlhabende eine relativ gleiche Verteilung wünschen. Wichtig ist dabei aber Reziprozität, d.h. sie erwarten eine Gegenleistung in Gestalt gesellschaftlicher Anerkennung.  Makroökonomisch sollten sich Forschung und Beratung stärker auf die Wirkung überhöhter Ungleichheit auf Wachstum, Beschäftigung und Stabilität der gesamten Volkswirtschaft fokussieren. Erste Erkenntnisse hierzu liegen vor. Sie zeigen ,dass Ungleichheit all diesen drei Faktoren schadet. Es gilt daher nun neben steuerlichen Maßnahmen gesamtwirtschaftlichen Instrumente zu finden, die die Ungleichheit vermindern. Dazu gehört auch ein auch ein Arbeitsmarkt, auf dem die Beschäftigten durch ein angemessene Entlohnung am Zuwachs des Wohlstands teilhaben können.  In dieser Hinsicht ist im vergangen Jahrzehnt in Europa und den USA viel Porzellan nicht zuletzt durch Schwächung von Gewerkschaften zerschlagen worden. Es gilt nun die in dieser Hinsicht dysfunktionalen Märte wieder zu reparieren.

All dies ist ein ehrgeiziges Programm für Ökonomen. Aber ich denke, sie haben in einer Post neoliberalen Ära, die ja 2016 auch im Reich  der Ökonomen zahlreiche, hilfreiche  personelle Erneuerungen bringt,  die Chance es zu verwirklichen. Dann würde das Schlangenei nie ausgebrütet.  In diesem Sinne auf ein  gutes Jahr 2016.

Gedanken anderer zur gleichen Thematik, denen ich nicht notwendigerweise in Gänze  zustimme:

http://www.sven-giegold.de/2015/gedanken-zur-jahreswende/

http://www.socialeurope.eu/2015/12/new-plan-greece-europe-defining-moment-european-social-democracy/

http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/euro-und-goldstandard-daran-wird-die-waehrungsunion-zerbrechen-a-1069474.html

http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-12/wirtschaft-wachstum-konjunktur-eurozone-deutschland?wt_zmc=sm.ext.zonaudev.mail.ref.zeitde.dskshare.link.x&utm_medium=sm&utm_source=mail_zonaudev_ext&utm_campaign=mail_referrer&utm_content=zeitde_dskshare_link_x

 

 

Vor  kurzem habe ich eine Replik  (http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-07/waehrungsunion-euro-europa-krise-Replik)  auf einen Beitrag von Mark Schieritz (http://www.zeit.de/2015/31/waehrungsunion-euro-europa-krise)  geschrieben, in dem ich seiner These  widersprochen habe, der Euro sei  ein Wohlstandsvernichter. Mein  zentrales Argument war, dass nicht der Euro, sondern  eine neoliberale Politikausrichtung mit der starken  Betonung eines Standortwettbewerbs sich als nicht kompatibel mit  der Währungsunion erwiesen und deshalb Wohlstand  vernichtet  habe. In diese Debatte hat sich nun der von mir gleichfalls sehr geschätzte Martin Höpner eingeschaltet und sich auf  die Seite von Mark Schieritz geschlagen (http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-08/euro-waehrungsunion-krise-europa).  Beiden nahe ist im übrigen Hans Werner Sinn mit  seiner  Argumentation zum GREXIT (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/griechenland-schuldenschnitt-nach-austritt-1.2595371) . Das zentrale Argument von Schieritz und Höpner ist, dass die im Euroraum verbundenen Mitgliedstaaten zu unterschiedlich seien, um einen stabilen Währungsraum zu bilden. Diese Heterogenität könne letztlich nur  durch flexible Wechselkurse aufgefangen werden. Diese Argumentation würde Sinn zumindest  mit Blick auf Griechenland unterschreiben. Aus dieser Perspektive war  die Einführung des Euro  in der aktuellen Länderkonstellation ein Fehler. “Friedman hatte Recht”, fasst Schieritz diese Sichtweise prägnant zusammen. Ich widerspreche und will dies ausführlich begründen. Das Kriterium für  die Unterschiedlichkeit  der Volkswirtschaften sind die Inflationsdifferenzen der Mitgliedstaaten, insbesondere  ihre Abweichung vom gemeinsamen Inflationsziel der EZB.  Diese Differenzen begründen die realen Auf -und Abwertungen innerhalb des gemeinsamen Währungsraums ,die  zu den destabilisierenden  Handelsungleichgewichten mit überhöhten Überschüssen bei den einen, die wegen zu niedriger Inflationsraten ständig abwerteten,  (u.a. Deutschland) und überhöhten Schulden bei den anderen (u.a. Spanien und Griechenland), die wegen zu hoher Inflationsraten ständig aufwerteten, führten. Dies ist mittlerweile zumindest unter den oben Genannten und meinerseits schon seit langem  (http://www.boeckler.de/imk_5269.htm?produkt=HBS-003372&chunk=12&jahr=) unumstritten.

Das war nicht immer so. Schließlich hat Sinn noch Mitte vorigen Jahrzehnts, als sich diese Tendenz schon abzuzeichnen begann,  eine reale  Abwertung durch massive Lohnzurückhaltung in Deutschland gefordert und erreicht, die ja logischerweise eine fatale reale Aufwertung für  Spanien und Griechenland bedeutete. Man kann Hans Werner Sinn insofern eine gewisse geistige Vaterschaft  für die gegenwärtige Krise nicht  absprechen. Dieser Vorwurf gilt selbstverständlich nicht  für Schieritz und Höpner.

Diese wiederum behaupten nun,  dass die krisenhafte Entwicklung durch Inflationsdifferenzen zwangsläufig war, und man deshalb den Euro besser erst  gar nicht eingeführt hätte. Dann besäßen die Mitgliedstaaten des Euroraums mehr Wohlstand.  Ich bestreite sowohl die Behauptung der Zwangsläufigkeit als die  der Wohlstandsverluste. Ersteres habe ich schon in meiner Antwort zu Schieritz getan, in dem ich eine alternative Politik europäischer wirtschaftspolitischer Koordination statt neoliberalem Standortwettbewerb aufgezeigt habe, die bei gemeinsamer Währung eben nicht in eine Krise  geführt hätte ,weil reale Auf- und  Abwertungen vermieden worden  wären. Höpner  ergänzt nun, dass aufgrund der auf absehbare Zeit heterogenen Lohnbildungssysteme ,die die Inflationsunterschiede begründeten, die Krise unvermeidlich und insofern die Einführung des Euro ein Fehler gewesen sei. Dazu ist zu sagen, dass  er die Bedeutung der Lohnbildungssysteme für die heterogenen Inflationsraten deutlich überschätzt. Ökonometrische Untersuchungen zeigen, dass  die Verbindung von Löhnen und Preisen lockerer geworden ist. Anders wäre ja auch die massive Umverteilung zu Lasten der Beschäftigten während des vergangenen Jahrzehnts nicht zu erklären. Man muss also auch andere Faktoren als die Lohnbildung mit ins Bild nehmen.

Dieses Argument führt uns  zur wirtschaftspolitischen Verantwortung für  die europäische Instabilität.  Die Arbeitsmarkt- und soziale Deregulierungspolitik  im Dienste  des neoliberalen Standortwettbewerbs haben die Verhandlungspositionen der Arbeitnehmer fast  überall geschwächt und Unternehmen die Möglichkeit  zur Ausdehnung ihrer Gewinnmargen gegeben. Mit anderen  Worten die Lohnzurückhaltung z. B. in Deutschland führte nicht  zu einer entsprechenden Preiszurückhaltung und starke  Preissteigerungen z.B. in Spanien schlugen sich  nicht  in entsprechenden Lohnsteigerungen nieder. Das erklärt, warum die Reallohnzuwächse in Deutschland und Spanien trotz unterschiedlicher Inflationsraten und trotz unterschiedlicher Lohnbildungssysteme  sehr  ähnlich waren. Es ist also bestenfalls halbrichtig, die Unterschiede auf die heterogenen Lohnbildungssysteme zurückzuführen.

Der tiefere Grund ist, dass die Wirtschaftspolitik, unterstützt  von der Mehrzahl der Ökonomen Inflationsdifferenzen als Quelle außenwirtschaftlicher Instabilität in einer Währungsunion schlicht nicht akzeptiert und daher auch nicht  gegengesteuert hat. Deutschland sonnte im sich im vermeintlichen Glanz seiner Exporterfolge  und verdrängte die schlechteste Binnennachfrage aller  Euro Staaten. Spanien hingegen feierte  seine boomende Binnenwirtschaft  und verdrängte  seine furch übermäßige Importe Schulden erzeugende außenwirtschaftliche Bilanz. Beide tanzten bis 2009 am Kraterrand einer Krise.  Erst durch diese Krise  des Euroraums ist  die Erkenntnis außerwirtschaftlicher Instabilität sowohl bei den Ökonomen als auch -  rudimentär - in der Wirtschaftspolitik angekommen. Den entsprechenden Bestimmungen des SIX Packs kann man als immer noch unzureichenden ersten Versuch in die richtige Richtung interpretieren.

Die Kritik von Schieritz  und Höpner  am Euro geht  jedoch weiter als eine  Klage über die  Instabilität des Euroraums. Beide  behaupten ja der Euro habe Wohlstand vernichtet. Anders herum formuliert heißt dies, dass Europa, hätte es ein System flexibler Wechselkurse wie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts  beibehalten, heute über einen höheren Wohlstand verfügen würde als mit der gemeinsamen Währung. Eine starke Behauptung, die ich für schlicht  falsch halte. Nehmen wir also einmal an, wir hätten seit Ende der achtziger  flexible Wechselkurse mit dann unterschiedlichen Inflationsraten gehabt. Schon die Behauptung , dass  die flexiblen Wechselkurse diese Differenzen krisenfrei ausbügeln würden, ist durch die Empirie nicht gedeckt.  Wechselkurse  verhalten sich  bestenfalls auf lange Sicht kompensierend zu außenwirtschaftlichen  Ungleichgewichten. Und selbst dies wird von vielen Autoren mit  guten  Argumenten bezweifelt. Stärkere treibende Kräfte für die Wechselkurse sind Zinsbewegungen, die aber nicht zwangsläufig außenwirtschaftliche Ungleichgewichte  abbilden.  Im Ergebnis führt  dies zu immer wieder kehrenden Währungsturbulenzen, die den  Handel und damit den Wohlstand der beteiligten Volkswirtschaften belasten. Man stelle sich nur vor, Europa wäre mit Lira, Peseta und Franc und D Mark 2007/2008 in die Finanzkrise marschiert. Zu allen anderen Problemen wären dann auch  noch die Währungsturbulenzen gekommen.

Noch gewichtiger ist aber folgendes Argument. Flexible Wechselkurse erzeugen ob ihrer mindestens temporär unklaren und stochastischen Bewegungsmuster Unsicherheit. Globale Anleger versehen daher alle Anlagen in den europäischen Ländern mit einem Risikoaufschlag. Im Ergebnis hätten die heutigen Krisenländer über den gesamten Zeitraum des  gemeinsamen Währungsraum bei eigener Währung deutlich höhere Realzinsen aufgewiesen. Das hätte ihr Wachstum in diesem Zeitraum  merklich geringer ausfallen lassen als mit dem  Euro.

Die  Nicht Krisenländer vor allem Deutschland hätten ohne  den Euro wegen der  unterdurchschnittlichen  Inflationsrate bis  2007/2008 trotzdem niedrigere Realzinsen gehabt als mit dem Euro.  Dann hätte sich – ohne  den Euro – neoliberale Politik tatsächlich ausgezahlt. Gleichwohl wären auch die Zinsen in Deutschland wegen der volatilen Wechselkurse mit einem Risikoaufschlag versehen gewesen, so dass sie nur  unterproportional niedriger gewesen wären.

Im dann hypothetischen Euroraum insgesamt  wären  vor  der Krise die Realzinsen  jedoch höher  gewesen, was zwischen 1997  und  2007, also 10 Jahre lang,  eindeutig mit  Wohlstandverlusten einher gegangen wäre. Dieser  Wohlstandsverlust ohne den Euro muss mit  dem  Wohlstandsgewinn durch die von Schiertz und Höpner   unterstellte Vermeidung der Krise ab 2009, die ja ihrer Meinung nur wegen  des Euros ausgebrochen ist, verrechnet werden. Der Saldo ist a priori unklar, neigt sich aber zum Negativen,wenn man die Krisenhaftigkeit flexibler Wechselkurse einbezieht.

Eindeutig negativ wird er, wenn man bedenkt, dass die Krise  mit  einer angemessenen Politik,  die auf die harten Austeritätsmaßnahmen verzichtet hätte und den Mitgliedstaaten  mehr Zeit  gegeben hätte ,ihre  Schuldenprobleme zu überwinden,  deutlich geringere Wachstumsverluste entstanden wären ( http://www.boeckler.de/imk_5264.htm?produkt=HBS-006069&chunk=1&jahr=) .  Also auch in dieser Hinsicht  der Befund, nicht  der Euro ist  Schuld, sondern die unangemessene Politik ,die im Euroraum angesichts  der Krise betrieben wurde.

Offensichtlich muss die Wirtschaftspolitik im Euroraum noch lernen, mit dem Euro umzugehen. Erst  dann wird sie  auch die vollen Wohlstandsgewinne , die mit  dem Euro möglich sind, in vollem Umfang realisieren können. Wer hingegen den Euro zum Sündenbock falscher politischer wirtschaftspolitischer Entscheidungen macht, verzichtet  endgültig auf diesen Wohlstand, und lässt zudem Europa einer ungewissen politischen Zukunft mit sozial garnierten nationalistischen Färbungen entgegen taumeln.

 

Meist stimme ich ja mit Mark Schieritz überein. Das ist dieses Mal nicht so, wobei ich konzediere, dass die Debatte, die er mit seinem Artikel beginnt, extrem wichtig ist. Die Unterschiede bestehen dabei nicht in der Beschreibung der gegenwärtigen Lage. Europa ist deutlich gespaltener als vor der Krise. Die Frage ist nur, warum. Schieritz führt dies auf die Einführung des Euro zurück, der die nationalen Volkswirtschaften in ihren Reaktionsmöglichkeiten monetär stranguliere.
Dies ist nur halb richtig. Richtig ist, dass eine gemeinsame Währung zwangsläufig mit einem gemeinsamen Inflationsziel verbunden ist. Das war den Gründern durchaus bewusst, denn sie wollten ja mittels des Euro Europa weite Preisstabilität etablieren, nicht zuletzt um schädliche Währungsturbulenzen ein für alle Male zu vermeiden.
Falsch ist, dass diese Beschränkung zwangsläufig in eine Krise führen musste. Das geschah nur deshalb, weil man diese bewusst eingegangene Beschränkung in der laufenden Wirtschaftspolitik zahlreicher Volkswirtschaften des Euroraums aus unterschiedlichen Gründen nicht beachtet hat. So z.B. in Deutschland, wo eine neoliberale Standortpolitik eine möglichst niedrige Inflationsrate und möglichst hohe Leistungsbilanzüberschüsse als wirtschaftspolitischen Erfolg ansieht. In anderen Ländern wie Griechenland hat man das Inflationsziel schlicht als nicht relevant angesehen und mehr oder minder weiter gemacht wie vor der Währungsunion. Dies alles ist aber mit einer Währungsunion ansonsten national souveräner Staaten nicht vereinbar.
Mittlerweile sich maßgeblich auf Betreiben der Bundesregierung der neoliberale wirtschaftspolitische Ansatz Deutschlands durchgesetzt, was die von Schieritz zu recht kritisierten “Erfolge” der “Rettungspolitik” erklärt. Dies ist einem Fortbestand des Euro unvereinbar, allerdings weder zwangsläufig noch unveränderlich.
Eine erste mögliche Schlussfolgerung wäre, eine Abkehr von dieser Politik in Deutschland und anderen Ländern und nicht vom Euro zu erreichen. Auch Staatsinsolvenzen wäre dann unnötig. Eine zweite mögliche Schlussfolgerung wäre die Etablierung europäischer Institutionen, die derartige mit der Währungsunion unvereinbare Politikstrategien entweder sanktioniert, z. B. durch Staatsinsolvenzen oder kompensiert z.B. durch europäische Steuererhebungskompetenz. Letzteres kann aber nur mit mehr Demokratie im Euroraum einhergehen, was derzeit zwar eher unwahrscheinlich erscheint, aber auf Dauer und als Ergebnis der gegenwärtigen Krise sogar als ein vernünftiger Schritt in die Zukunft erscheint . Die dritte mögliche Schlussfolgerung ist, das man, wenn man dies alles nicht will, tatsächlich das gemeinsame Inflationsziel und damit den Euro aufgibt. Das wäre allerdings die Rückkehr zur europäischen monetären Instabilität der achtziger und frühen neunziger Jahre.
Europa hat also die Wahl und nicht der Euro ist Schuld, sondern die damit unvereinbare neoliberale Wirtschaftspolitik in Europa, die aber ja jederzeit geändert werden kann.

Wohl kaum ein anderes Phänonomen hat seit 2008 die wirtschaftliche Entwicklung mehr geprägt als Unsicherheit. Ökonomische Unsicherheit resultiert aus einer fundamentalen Unkenntnis künftiger wirtschaftlicher Entwicklungen. Mit ihr ist die Angst verbunden, große wirtschaftliche Schäden zu erleiden.  

Fundamentale Unkenntnis meint, dass die Akteure nicht einmal die Wahrscheinlichkeitsverteilung der Unsicherheit  stiftenden Ereignisse  kennen. Sie haben also keine Vorstellung davon, mit welcher Wahrscheinlichkeit sich die Lage alsbald verbessert oder verschlimmert.          

In einer solchen Situation folgen sie einfachen und intuitiven Regeln, ohne  Rücksicht darauf, ob  hierdurch die Lage besser oder gar schlimmer wird.  Herdentrieb ist eine dieser Regeln. Weil man selbst  nichts weiss, glaubt man andere wüssten es besser und  folgt ihnen.  Das  ist  besonders dann der Fall, wenn andere gleichzeitig  behaupten, sie wüssten es besser, selbst wenn dem tatsächlich nicht so ist, weil niemand in einem solchen Fall eine sichere Vorstellung haben kann.   

Derartige Unsicherheit  ist der Grund, warum in Krisenzeiten jeder sein Geld  möglichst sicher anlegen will. Im Zweifel  will man es sogar völlig liquide, also jederzeit verfügbar, halten.  

Das hat  gravierende ökonomische Konsequenzen. Wenn Investoren ihr Geld liquide halten wollen, investieren sie  nicht. Wenn Konsumenten ihre Geld liquide halten wollen, konsumieren sie nicht. Und vor allem,  wenn Banken und andere Finanzmarktakteure ihr Geld liquide halten wollen, verleihen sie es nicht. 

All dies  zusammen führt zum Zusmamenbruch der wirtschaftlichen Aktivität wie  dies zuletzt  in der Finanzmarktkrise  2007 /2008 und zuvor  in der Großen Depression geschah.  Fundamentale Unsicherheit ist somit eine große Gefahr ncht  nur  für  jede einzelne Volkswirtschaft, sondern  für  die Weltwirtschaft  insgesamt.           

 

Alle Welt  soll sparen. So will es die Bundeskanzlerin und die gesamte Bundesregierung. Nur wenn Schulden abgebaut  werden, sehen sie  eine Chance die Krise des Euroraums zu überwinden. Diese Forderungen offenbaren eine allzu schlichte Sichtweise vom Sparen.

Aus  gesamtwirtschaftlicher Sicht  setzt  Sparen immer auch die Bereitschaft  eines anderen voraus,  sich zu verschulden. Ansonsten  kann die Ersparnis keinerlei Erträge abwerfen. Es ist, als ob man Geld im Wald vergräbt und hofft ,es würde sich dort im Boden im Laufe der Zeit von selbst vermehren. So etwas macht das Geld aber in der Regel nicht.   

Wenn Sparen wirklich Erträge  abwerfen soll, braucht man Schuldner, die die Ersparnis anderer nehmen und versuchen mit ihnen Rendite  zu erzielen. Man nennt solche Menschen oder Institutionen gemeinhin Investoren. Sparen setzt  also die Bereitschaft  zu investieren voraus. Nur  so lassen sich im übrigen Werte  in die  Zukunft  verlagern, nicht  durch Wertpapiere.  (Siehe  auch meine Erklärung des  gesamtwirtschaftlichen Sparens  unter  http://www.gustav-horn.de/wordpress/wp-admin/post.php?post=52&action=edit  )

Eine wirkliche, weil nachhaltige Sparpolitik muss genau dort ansetzen.  Sie setzt Investitionsbereitschaft voraus. Dies kann entweder  bei den privaten Unternehmen des In- oder Auslandes sein oder aber der Staat  muss selbst  in diese Bresche springen und die öffentlichen Investitionen erhöhen.  Ist  die allgemeine Wirtschaftslage gut, investieren die Unternehmen, dann kann und  sollte der Staat bzw. die Staaten  sparen wie  die Kanzlerin es wünscht.  Ist  die Wirtschaftslage aber schlecht, und  besteht keine Bereitschaft  der Unternehmen zu investieren, dann muss der Staat  investieren und kann foglich nicht zugleich sparen, um seine  finanziellen Fehlbeträge  zurückzuführen.  

Die Idee  der Kanzlerin  und ihrer Berater, dass  er  gerade  in dem  er seine Defizite  abbaut  die Unternehmen zu investieren veranlaßt, ist  geradezu abenteuerlich.  Denn der Abbau der Staatsverschuldung geht immer  mit  Einnahmeverlusten  im privaten Sektor, als auch bei  den Unternehmen oder ihren Kunden –  den privaten Haushalten -, einher.   Warum sollten diese dann  allein aufgrund der vagen Hoffnung  künftiger Steuersenkungen plötzlich und vor allem synchron zum Sparprozess des Staates  ihre  Investitonen  heraufsetzen. Zumal wegen der nachlassenden Gesamtnachfrage zum gleichen Zeitpunkt geringere Produktionskapazitäten benötigt werden.

Vor diesem Hintergrund ist  die  gegenwärtige  Politik, die  allein auf einzelwirtschaftliches Sparen setzt, ohne  den  gesamtwirtschaftlichen Kontext zu bedenken, zum Scheitern verurteilt.

Aus alledem folgt schließlich, dass  nur  ein  Investitionsprogramm ein wahres gesamtwirtschaftliches Sparprogramm ist. Daher wäre es aus deutscher wie  europäischer Sicht  unerläßlich, dass  ein mittelfristig angelegtes Investitionsprogramm in Höhe von 1,5  % vom  BIP aufgelegt würde. Nach Simulationen des  IMK würde  dies nicht nur Wachstum und Beschäftigung deutlich erhöhen, sondern im Lauf der Zeit  auch den Schuldenstand  des Staates merklich verringern.  ( http://www.boeckler.de/2728_45191.htm) Denn nur in einem investierenden Umfeld, kann der Staat  erfolgreich einzelwirtschaftlich sparen.

Nichts ist so veränderlich wie das Netz. Nichts ist so gut geeignet um Informationen zu verbreiten. Daher nach Facebook ein neuer Anfang.

Was wird man hier lesen ? Es sollen neuere wissenschaftliche Erkenntnisse  aus der Makroökonomie allgemeinverständlich dargestellt weren. Daneben wird es  Rubriken geben, die   ökonomische Phänomene und Begrifflichkeiten in einfacher Form erklären.  Aber  für  den Autor auch offene  Fragen sollten auf der Seite unter “Versuch und Irrtum”  gestellt werden.

Ferner sollen aktuelle  wirtschaftspolitische Probleme im Lichte gesamtwirtschaftlicher Überlegungen   dargestellt  werden. Dazu gehören auch Kommentare  zu aktuellen Entscheidungen  der Wirtschaftspolitik,   wobei auf allgemeine Verständlichkeit Wert gelegt wird.

Also kein Blog nur für studierte Fachleute, sondern auch für Politik, Praxis  und schlicht alle interessierten Laien.

Das alles geschieht  in unregelmäßigen Abständen. Je nach Bedarf und verfügbarer Zeit.

Gelegentlich werden auch Gastautoren zur Wort kommen.

Der Blog wird mit meiner Facebook Seite verlinkt und nur dort kann er  kommentiert  werden.

Auf geht´s.