Was ist eigentlich Sparen ?

Man unterscheidet zwischen einzelwirtschaftlichem Sparen und gesamtwirtschaftlichem Sparen.  

Ersteres ist in aller Munde, entspricht  dem allgemeinem Verständnis von Sparen und beherrscht  in der rhetorischen Figur der schwäbischen Hausfrau auch die politische Debatte. Einzelwirtschaftliches Sparen heißt,  in einer bestimmten Periode weniger auszugeben als Einkommen erzielt wird. Verdient man also im Monat  2000.- € und  gibt  nur  1800 € aus, hat man  200 € gespart.  Sofern man diesen Betrag nicht  über einen  längeren Zeitraum  anlegt,  kann man dieses Geld dann je  nach vereinbarter Dauer der Anlage in den nachfolgenden Perioden für einen dann entsprechend höheren Konsum verwenden.

Um wieviel der Konsum dann höher sein kann, hängt von der Rendite der Ersparnis ab. Hält man die Ersparnis als Bargeld, kann man den Konsum der Zukunft um genau diesen Betrag erhöhen. Allerdings hat dieser, falls die Preise in der Zwischenzeit steigen, an Kaufkraft eingebüßt. Deshalb wird man inbesondere   über längere Anlagezeiträume den Betrag in Wertpapieren anlegen, die entweder  Zinsen, Kursgewinne oder Dividenden versprechen und so die künftige Kaufkraft  erhalten, wenn nicht sogar steigern.

   Generell ist einzelwirtschaftliches Sparen somit eine Möglichkeit, finanzielle Werte von der Gegenwart in die Zukunft zu verlagern. Das begründet die Empfehlung für Sparen als finanzielle Altersvorsorge.

Das gesamtwirtschaftliche Sparen hat einen völlig anderen Charakter, der der alltäglichen Intuition nicht entspricht, und der in der politischen Debatte kaum eine Rolle  spielt. In einer gesamtwirtschaftlichen Analyse müssen immer alle relevanten Akteure, also private Haushalte, Unternehmen und Staat, zugleich bedacht werden. Hinzu kommen noch die wirtschaftlichen Beziehungen mit dem Ausland.

Nun läge es Nahe zu behaupten: Wenn alle diese Akteure sparen, dann ist die Summe dieser einzelwirtschaftlichen Ersparnis  immer die gesamtwirtschaftliche Ersparnis.  Und genau dies stimmt  nicht.

Um dies zu verdeutlichen sei folgendes Beispiel gewählt. Alle vier Akteure, private Haushalte, Unternehmen, Staat und Ausland  erzielen jeweils ein Einkommen von € 2000 und sparen  jeweils   €200. Beträgt also die  gesamtwirtschaftliche  Ersparnis nun 4 x 200 =800 € ?   Die Antwort lautet:   Nein.

Der Grund ist, dass  in dem Beispiel eine grundlegende gesamtwirtschaftliche Konsistenzbedingung verletzt  ist. Die gesamten  Einnahmen müssen nämlich gleich den gesamten Ausgaben sein. Ansonsten würde ja Geld schlicht verschwinden.  Die gesamten Ausgaben betragen in unserem Beispiel nur 4×1800=7200€. Die Einahmen belaufen sich aber laut anfänglicher Annahme  auf 4×2000=8000€ . Das ist inkonsistent, denn die 800 € Ersparnis  dürfen  nicht  zugleich als Einkommen gezählt  werden, sie werden ja eben nicht ausgegeben.

  Es gibt einen und nur einen richtigen Ausweg, um diese Inkonsistenz  zu beheben. Dies ist, die Ersparnis auf Null zu setzen. Dann ist die Konsistenz zwar  gewahrt, es  gibt aber keine gesamtwirtschaftliche Ersparnis mehr. Mit anderen Worten, unter den im Beispiel gewählten Bedingungen kann es keine gesamtwirtschaftliche Ersparnis geben. Sie muss immer  Null sein. Da  im Beispiel einfach der Rahmen einzelwirtschaftlichen Sparens  auf die Gesamtwirtschaft übertragen wurde,  kann die gesamtwirtschaftliche Ersparnis  folglich nicht einfach die Übertragung einzelwirtschaftlichen Sparens sein.

Nun ist aber unbestreitbar, dass gespart wird. Daher sollte es in der Ökonomie einen analytischen Rahmen geben, der diese Realität erfasst. In unserem Beispiel läßt sich dies erreichen, indem wir eine weitere Handlungsmöglichkeit zulassen: die Verschuldung. Ein erste Schlußfolgerung hieraus ist,  dass gesamtwirtschaftliche Ersparnis nur möglich ist, wenn es auch eine gesamtwirtschaftliche Verschuldung gibt. Daher ist die politische Forderung, dass alle sparen müssen, aus gesamtwirtschaftlicher Sicht unlogisch, jedenfalls wenn man die Ersparnis erhöhen  will. Irgend jemand muss  sich verschulden, sonst gibt es  – siehe oben – keine Ersparnis.

Die Frage  ist nur, wer verschuldet sich und warum. Die privaten Haushalte sind  der ungeeigneteste Kandidat, da hier eine dauerhafte Verschuldung Zweifel an der Kreditwürdigkeit und folglich eine Schuldenkrise auslösen könnte.  Ähnliches  gilt  mit Abstrichen auch für  das Ausland, denn es macht für  die Gläubiger prinzipiell keinen Unterschied, ob die Haushalte  im Inland oder Ausland sind. Unter Umständen kommt außerhalb des eigenen Währungsraums allerdings noch ein Wechselkursrisiko hinzu.

Wenn sich jedoch Unternehmen verschulden, kann dies sinnvoll sein. Denn sie werden einen Kredit bedienen  können,  wenn sie ihn für Rendite trächtige Investitionen verwenden.  Das  gilt  auch für ausländische Unternehmen, insofern kann auch  Auslandsverschuldung bis zu einem gewissen Grad  sinnvoll sein.  Sicherster Schuldner  ist aber der Staat.  Hinter  ihm stehen  letztlich die Steuerzahler, also  die gesamte Volkswirtschaft.

Im Ergebnis wird sich eine Kombination aus staatlicher, unternehmerischer   und ausländischer Verschuldung ergeben, deren  konkrete Ausprägung von den jeweiligen  wirtschaftlichen und  politischen Gegebenheiten abhängt.

Im unserem Beispiel läßt sich dies so darstellen. Die privaten Haushalte  sparen unverändert  200 € von ihrem Einkommen  in Höhe von 2000 €.  Die Unternehmen verschulden sich mit  100 € über  ihr Einkommen hinaus, der Staat  und das Ausland  mit  jeweils  50 €.  Im Ergebnis bleibt das gesamtwirtschaftliche Einkommen wie  auch die Ausgaben bei  8000 €. Nur müssen ab der kommenden Periode Staat, Unternehmen und Ausland Zinsen an die privaten Haushalte zahlen.

Hat die Verwendung des Kredits keine oder eine unterhalb der Verzinsung liegende Rendite  erbracht, schmälert dies  deren künftige finanzielle Möglichkeiten. Liegt die Rendite  jedoch darüber und waren  die Investitionen erfolgreich, erweitern jedoch alle Akteure ihre  finanziellen Möglichkeiten  in der Zukunft.  Die sparsamen in- und ausländischen Haushalte erhalten zusätzlich zu ihrem bisherigen Einkommen noch Zinsen. Die in- und ausländischen Unternehmen erhöhen selbst  nach Abzug der Zinsen  ihre Gewinne und der Staat erhält aufgrund der so erhöhten Einkommen mehr  Steuereinnahmen.

Ersparnis und Verschuldung können somit  die wirtschaftlichen  Möglichkeiten einer Volkswirtschaft  erweitern. Sie  erhöhen den Wohlstand. Entgegen der Alltagsintuition geschieht dies auf gesamtwirtschaftlicher Ebene nicht, in dem  einfach mehr  gespart  wird, sondern in dem sowohl die Bereitschaft sich zu verschulden als auch die  zu sparen gleichzeitig zunehmen. Die Summe aus  beiden  ist immer Null.

Vor diesem  Hintergrund erhebt sich die Frage, ob gesamtwirtschaftliches Sparen  denn gleichfalls dazu taugt, Werte in die Zukunft  zu verschieben. Die Antwort lautet: Ja, aber in völlig anderer Form als beim einzelwirtschaftlichen Sparen.   Letzteres geschieht durch Finanzwerte, z.B.Wertpapiere, deren Rendite in der Zukunft ausgezahlt wird. Da auf gesamtwirtschaftlicher Ebene die Summe aus Ersparnis und Verschuldung  immer Null ist, gibt  es hier per Saldo keine Erträge.

Stattdessen findet die  Wertverschiebung in die Zukunft  auf realwirtschaftlicher Ebene, also durch Güter-  und Dienstleistungsproduktion, statt.  Es sind eben z.B. jene  durch die Investitionen der Unternehmen erweiterten Produktionsmöglichkeiten. Sie schaffen die erhöhten Einkommen der Zukunft, mit  denen die Kredite, die die Sparer durch ihr Erspartes  ermöglicht  haben, bedient werden können.  Anders formuliert, erst Investitionen erzeugen den Wertetransfer, auf den die Sparer gehofft haben.

Das gilt nicht nur für private Investitionen, sondern auch für öffentliche, die  die Produktivität der Infrastruktur verbessern oder  über ein besseres Bildungssystem die Fähigkeiten der Beschäftigten erweitern. 

Wenn also in der Wirtschaftspolitik mehr gesamtwirtschaftliche Ersparnis gefordert wird, dann darf gerade nicht die schwäbische Hausfrau   rhetorische Leitfigur sein, sondern innovations- und risikofreudige Unternehmen,  investierende Staaten und lernwillige Beschäftigte. Sie ermöglichen erst, dass sich das einzelwirtschaftliche Sparen der schwäbischen Hausfrau  überhaupt lohnt.