Krise des Euroraums (2): Ist die Wachstumskrise überwunden?

Im Folgenden wird gezeigt, dass die Wachstumskrise noch nicht überwunden ist. Die erheblichen Wachstumsdivergenzen im Euroraum stellen den Zusammenhalt auf eine Zerreißprobe.

Der erste Blick bei einer Krisenbilanz soll der Wachstumsperformance gelten. Am aktuellen Rand hat sich das wesentliche Bild, das sich bereits seit einigen Jahren abzeichnet, nicht geändert. Im globalen Maßstab bleibt die Erholung des Euroraums von den Krisen merklich hinter der anderer Regionen zurück. Während in den USA das BIP mittlerweile um mehr als 20 % über dem Vorkrisenniveau liegt, sind es im Euroraum nur 10%.

Abb 4a_Grafiken Wachstum aktualisiert 280916

Allein Japan, dessen Wachstum seit langem gedrückt ist, weist eine noch geringere Dynamik auf, während die Wirtschaft der USA, die ja von der Finanzmarktkrise ebenfalls hart betroffen war, spürbar stärker, nämlich fast doppelt so stark, expandierte. Seit 2009, dem Ende der Finanzmarktkrise und dem Beginn der Krise des Euroraums haben, öffnete sich eine Wachstumslücke. Sie ist bis zuletzt immer größer geworden.

Von besonderer Bedeutung ist, dass der gleiche Befund für Großbritannien, noch ein Mitgliedsland der EU, gilt. Selbst in enger wirtschaftlicher und politischer Verflechtung mit dem Euroraum, lassen sich also deutlich höhere Wachstumsraten als im Euroraum selbst erreichen. Allerdings ist die Wachstumsdynamik im Euroraum alles andere als homogen.

Betrachtet man als erstes jene Länder, in denen nach der Finanzmarktkrise eine fortwährende Aufwärtstendenz zu verzeichnen ist, ergibt sich teilweise ein durchaus mit den USA und Großbritannien vergleichbares Bild. Im Folgenden sollen exemplarisch Deutschland, Frankreich, die Niederlande und Österreich zu dieser Gruppe gezählt werden.

Abb 2. Wachstum Aufschwungländer

In Österreich und Deutschland blieb das BIP Wachstum nur leicht hinter dem der USA und Großbritannien zurück. Hier liegt das Niveau des BIP auch um rund 20 % höher als vor den Krisen. Dagegen verzeichneten Frankreich und die Niederlande mit ungefähr 10 % ein durchweg schwächeres Wachstum.

Der gravierende Unterschied zu den USA entsteht jedoch erwartungsgemäß durch die Krisenländer des Euroraums Hierzu gehören Griechenland, Irland, Italien Portugal, Spanien und Zypern.

Abb. 3-Wachstum Krisenländer

Spanien und vor allem Griechenland und Zypern haben das Vorkrisenniveau des BIP noch nicht wieder erreicht. In Portugal und Italien ist das BIP in etwa wieder so wie vor der Krise, und Irland überschreitet es sogar um rund 17 %. Mit Ausnahme Irlands, das 2015 rechnerisch ein sensationelles Wachstum aufwies, hat somit keine dieser Volkswirtschaften ihr Wohlstandsniveau von vor mittlerweile 9 Jahren bisher wieder erreicht

Irland ist zudem von einer Besonderheit gekennzeichnet (FAZnet 2016.). Durch seine günstigen Unternehmenssteuergesetze verlagern multinationale Unternehmen rein rechtlich Teile ihrer Produktion, die aus einer relativ wenig umfangreichen aber sehr werthaltigen Dienstleistung wie der Patentverwaltung bestehen kann, dorthin. Damit zählt sie entsprechend dem Inlandskonzept des BIP für die heimische Wertschöpfung. Dies war im vergangenen Jahr offenkundig der Fall Dies kann im Fall großer Firmen bei einer relativ kleinen Volkswirtschaft wie Irland erhebliche BIP Wirkungen auslösen, ohne dass sich z.B. die Beschäftigung stark ändert. Gleichzeitig wird diese Produktion in einem anderen Land abgezogen. Ist dies ein großes Land, fällt der Vorgang allerdings dort kaum ins Gewicht. Diese Überlegungen zeigen, dass das BIP als Indikator wirtschaftlicher Leistungsfähigkeit in diesem Fall nur sehr begrenzt aussagekräftig ist.

In der Zerreißprobe

Weist ein einheitlicher Währungsraum über Jahre große und fast immer in die gleiche Richtung gehende Divergenzen auf, muss dies Spannungen erzeugen. Als erstes ergeben sich unterschiedliche wirtschaftspolitische Anforderungen, die eine Kooperation der Mitgliedstaaten mindestens erschweren.

Abb 4  Wachstum Divergenz rt 280916

In Kombination mit dem unbeschränkten Binnenmarkt entstehen zudem Migrationsbewegungen in Richtung der Wachstumszentren, die sowohl in den Herkunftsländern als auch in den Zielländern politische Verwerfungen auslösen, die gegen ein stark integriertes Europa gerichtet sind. Schon dies zeigt, dass unter den heutigen Bedingungen, die europäische Integration im Konflikt mit spürbaren Wachstumsdivergenzen steht. Schon dies spricht dafür, die Wirtschaftspolitik aus einer europäischen Perspektive zu betreiben, die wirtschaftlich lahmenden Länden besondere Hilfen zukommen lässt. Eine Re- Nationalisierung der Politik kann umgekehrt unter diesen Umständen hingegen ein rasches Ende der gemeinsamen Währung bedeuten.

 

 

 

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