Vor  kurzem habe ich eine Replik  (http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-07/waehrungsunion-euro-europa-krise-Replik)  auf einen Beitrag von Mark Schieritz (http://www.zeit.de/2015/31/waehrungsunion-euro-europa-krise)  geschrieben, in dem ich seiner These  widersprochen habe, der Euro sei  ein Wohlstandsvernichter. Mein  zentrales Argument war, dass nicht der Euro, sondern  eine neoliberale Politikausrichtung mit der starken  Betonung eines Standortwettbewerbs sich als nicht kompatibel mit  der Währungsunion erwiesen und deshalb Wohlstand  vernichtet  habe. In diese Debatte hat sich nun der von mir gleichfalls sehr geschätzte Martin Höpner eingeschaltet und sich auf  die Seite von Mark Schieritz geschlagen (http://www.zeit.de/wirtschaft/2015-08/euro-waehrungsunion-krise-europa).  Beiden nahe ist im übrigen Hans Werner Sinn mit  seiner  Argumentation zum GREXIT (http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/griechenland-schuldenschnitt-nach-austritt-1.2595371) . Das zentrale Argument von Schieritz und Höpner ist, dass die im Euroraum verbundenen Mitgliedstaaten zu unterschiedlich seien, um einen stabilen Währungsraum zu bilden. Diese Heterogenität könne letztlich nur  durch flexible Wechselkurse aufgefangen werden. Diese Argumentation würde Sinn zumindest  mit Blick auf Griechenland unterschreiben. Aus dieser Perspektive war  die Einführung des Euro  in der aktuellen Länderkonstellation ein Fehler. “Friedman hatte Recht”, fasst Schieritz diese Sichtweise prägnant zusammen. Ich widerspreche und will dies ausführlich begründen. Das Kriterium für  die Unterschiedlichkeit  der Volkswirtschaften sind die Inflationsdifferenzen der Mitgliedstaaten, insbesondere  ihre Abweichung vom gemeinsamen Inflationsziel der EZB.  Diese Differenzen begründen die realen Auf -und Abwertungen innerhalb des gemeinsamen Währungsraums ,die  zu den destabilisierenden  Handelsungleichgewichten mit überhöhten Überschüssen bei den einen, die wegen zu niedriger Inflationsraten ständig abwerteten,  (u.a. Deutschland) und überhöhten Schulden bei den anderen (u.a. Spanien und Griechenland), die wegen zu hoher Inflationsraten ständig aufwerteten, führten. Dies ist mittlerweile zumindest unter den oben Genannten und meinerseits schon seit langem  (http://www.boeckler.de/imk_5269.htm?produkt=HBS-003372&chunk=12&jahr=) unumstritten.

Das war nicht immer so. Schließlich hat Sinn noch Mitte vorigen Jahrzehnts, als sich diese Tendenz schon abzuzeichnen begann,  eine reale  Abwertung durch massive Lohnzurückhaltung in Deutschland gefordert und erreicht, die ja logischerweise eine fatale reale Aufwertung für  Spanien und Griechenland bedeutete. Man kann Hans Werner Sinn insofern eine gewisse geistige Vaterschaft  für die gegenwärtige Krise nicht  absprechen. Dieser Vorwurf gilt selbstverständlich nicht  für Schieritz und Höpner.

Diese wiederum behaupten nun,  dass die krisenhafte Entwicklung durch Inflationsdifferenzen zwangsläufig war, und man deshalb den Euro besser erst  gar nicht eingeführt hätte. Dann besäßen die Mitgliedstaaten des Euroraums mehr Wohlstand.  Ich bestreite sowohl die Behauptung der Zwangsläufigkeit als die  der Wohlstandsverluste. Ersteres habe ich schon in meiner Antwort zu Schieritz getan, in dem ich eine alternative Politik europäischer wirtschaftspolitischer Koordination statt neoliberalem Standortwettbewerb aufgezeigt habe, die bei gemeinsamer Währung eben nicht in eine Krise  geführt hätte ,weil reale Auf- und  Abwertungen vermieden worden  wären. Höpner  ergänzt nun, dass aufgrund der auf absehbare Zeit heterogenen Lohnbildungssysteme ,die die Inflationsunterschiede begründeten, die Krise unvermeidlich und insofern die Einführung des Euro ein Fehler gewesen sei. Dazu ist zu sagen, dass  er die Bedeutung der Lohnbildungssysteme für die heterogenen Inflationsraten deutlich überschätzt. Ökonometrische Untersuchungen zeigen, dass  die Verbindung von Löhnen und Preisen lockerer geworden ist. Anders wäre ja auch die massive Umverteilung zu Lasten der Beschäftigten während des vergangenen Jahrzehnts nicht zu erklären. Man muss also auch andere Faktoren als die Lohnbildung mit ins Bild nehmen.

Dieses Argument führt uns  zur wirtschaftspolitischen Verantwortung für  die europäische Instabilität.  Die Arbeitsmarkt- und soziale Deregulierungspolitik  im Dienste  des neoliberalen Standortwettbewerbs haben die Verhandlungspositionen der Arbeitnehmer fast  überall geschwächt und Unternehmen die Möglichkeit  zur Ausdehnung ihrer Gewinnmargen gegeben. Mit anderen  Worten die Lohnzurückhaltung z. B. in Deutschland führte nicht  zu einer entsprechenden Preiszurückhaltung und starke  Preissteigerungen z.B. in Spanien schlugen sich  nicht  in entsprechenden Lohnsteigerungen nieder. Das erklärt, warum die Reallohnzuwächse in Deutschland und Spanien trotz unterschiedlicher Inflationsraten und trotz unterschiedlicher Lohnbildungssysteme  sehr  ähnlich waren. Es ist also bestenfalls halbrichtig, die Unterschiede auf die heterogenen Lohnbildungssysteme zurückzuführen.

Der tiefere Grund ist, dass die Wirtschaftspolitik, unterstützt  von der Mehrzahl der Ökonomen Inflationsdifferenzen als Quelle außenwirtschaftlicher Instabilität in einer Währungsunion schlicht nicht akzeptiert und daher auch nicht  gegengesteuert hat. Deutschland sonnte im sich im vermeintlichen Glanz seiner Exporterfolge  und verdrängte die schlechteste Binnennachfrage aller  Euro Staaten. Spanien hingegen feierte  seine boomende Binnenwirtschaft  und verdrängte  seine furch übermäßige Importe Schulden erzeugende außenwirtschaftliche Bilanz. Beide tanzten bis 2009 am Kraterrand einer Krise.  Erst durch diese Krise  des Euroraums ist  die Erkenntnis außerwirtschaftlicher Instabilität sowohl bei den Ökonomen als auch -  rudimentär - in der Wirtschaftspolitik angekommen. Den entsprechenden Bestimmungen des SIX Packs kann man als immer noch unzureichenden ersten Versuch in die richtige Richtung interpretieren.

Die Kritik von Schieritz  und Höpner  am Euro geht  jedoch weiter als eine  Klage über die  Instabilität des Euroraums. Beide  behaupten ja der Euro habe Wohlstand vernichtet. Anders herum formuliert heißt dies, dass Europa, hätte es ein System flexibler Wechselkurse wie in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts  beibehalten, heute über einen höheren Wohlstand verfügen würde als mit der gemeinsamen Währung. Eine starke Behauptung, die ich für schlicht  falsch halte. Nehmen wir also einmal an, wir hätten seit Ende der achtziger  flexible Wechselkurse mit dann unterschiedlichen Inflationsraten gehabt. Schon die Behauptung , dass  die flexiblen Wechselkurse diese Differenzen krisenfrei ausbügeln würden, ist durch die Empirie nicht gedeckt.  Wechselkurse  verhalten sich  bestenfalls auf lange Sicht kompensierend zu außenwirtschaftlichen  Ungleichgewichten. Und selbst dies wird von vielen Autoren mit  guten  Argumenten bezweifelt. Stärkere treibende Kräfte für die Wechselkurse sind Zinsbewegungen, die aber nicht zwangsläufig außenwirtschaftliche Ungleichgewichte  abbilden.  Im Ergebnis führt  dies zu immer wieder kehrenden Währungsturbulenzen, die den  Handel und damit den Wohlstand der beteiligten Volkswirtschaften belasten. Man stelle sich nur vor, Europa wäre mit Lira, Peseta und Franc und D Mark 2007/2008 in die Finanzkrise marschiert. Zu allen anderen Problemen wären dann auch  noch die Währungsturbulenzen gekommen.

Noch gewichtiger ist aber folgendes Argument. Flexible Wechselkurse erzeugen ob ihrer mindestens temporär unklaren und stochastischen Bewegungsmuster Unsicherheit. Globale Anleger versehen daher alle Anlagen in den europäischen Ländern mit einem Risikoaufschlag. Im Ergebnis hätten die heutigen Krisenländer über den gesamten Zeitraum des  gemeinsamen Währungsraum bei eigener Währung deutlich höhere Realzinsen aufgewiesen. Das hätte ihr Wachstum in diesem Zeitraum  merklich geringer ausfallen lassen als mit dem  Euro.

Die  Nicht Krisenländer vor allem Deutschland hätten ohne  den Euro wegen der  unterdurchschnittlichen  Inflationsrate bis  2007/2008 trotzdem niedrigere Realzinsen gehabt als mit dem Euro.  Dann hätte sich – ohne  den Euro – neoliberale Politik tatsächlich ausgezahlt. Gleichwohl wären auch die Zinsen in Deutschland wegen der volatilen Wechselkurse mit einem Risikoaufschlag versehen gewesen, so dass sie nur  unterproportional niedriger gewesen wären.

Im dann hypothetischen Euroraum insgesamt  wären  vor  der Krise die Realzinsen  jedoch höher  gewesen, was zwischen 1997  und  2007, also 10 Jahre lang,  eindeutig mit  Wohlstandverlusten einher gegangen wäre. Dieser  Wohlstandsverlust ohne den Euro muss mit  dem  Wohlstandsgewinn durch die von Schiertz und Höpner   unterstellte Vermeidung der Krise ab 2009, die ja ihrer Meinung nur wegen  des Euros ausgebrochen ist, verrechnet werden. Der Saldo ist a priori unklar, neigt sich aber zum Negativen,wenn man die Krisenhaftigkeit flexibler Wechselkurse einbezieht.

Eindeutig negativ wird er, wenn man bedenkt, dass die Krise  mit  einer angemessenen Politik,  die auf die harten Austeritätsmaßnahmen verzichtet hätte und den Mitgliedstaaten  mehr Zeit  gegeben hätte ,ihre  Schuldenprobleme zu überwinden,  deutlich geringere Wachstumsverluste entstanden wären ( http://www.boeckler.de/imk_5264.htm?produkt=HBS-006069&chunk=1&jahr=) .  Also auch in dieser Hinsicht  der Befund, nicht  der Euro ist  Schuld, sondern die unangemessene Politik ,die im Euroraum angesichts  der Krise betrieben wurde.

Offensichtlich muss die Wirtschaftspolitik im Euroraum noch lernen, mit dem Euro umzugehen. Erst  dann wird sie  auch die vollen Wohlstandsgewinne , die mit  dem Euro möglich sind, in vollem Umfang realisieren können. Wer hingegen den Euro zum Sündenbock falscher politischer wirtschaftspolitischer Entscheidungen macht, verzichtet  endgültig auf diesen Wohlstand, und lässt zudem Europa einer ungewissen politischen Zukunft mit sozial garnierten nationalistischen Färbungen entgegen taumeln.

 

2 Gedanken zu “Der Euro als Sündenbock

  1. Toller Artikel, der vielleicht auch dem ein oder anderen einmal zum Nachdenken anregt, denn in diesem Bereich gehen die Meinungen doch immer noch in die unterschiedlichsten Richtungen.

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  2. Pingback: Der Euro - eine Antwort auf Gustav Horn und Martin Höpner - Herdentrieb

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